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Voices of Time

Harry Sokal: saxophone
Wolfgang Puschnig: saxophone, flute
Gerald Veasley: bass
Alex Deutsch: drums

Geschichten, die das Leben schreibt....
Harry Sokals und Wolfgang Puschnigs späte Band-Kooperation

Ja, die Wege des Herrn sind unergründlich: Hätte er oder zumindest der für Jazzbelange zuständige Ressort-Heilige ein gemeinsames Bandprojekt Harry Sokals und Wolfgang Puschnigs, das sich auf der vorliegenden CD dokumentiert findet, doch bereits vor knapp 30 Jahren entstehen lassen können. Erstmals begegnet sind die beiden einander nämlich bereits 1975, ein Jahr nach Puschnigs Übersiedlung von Klagenfurt nach Wien, in Sokals Geburts- und Heimatstadt. Wenig später arbeitete man Seite an Seite, in Fusion-Bands wie „Ostinato“, während zahlloser Studio-Jobs von Falco abwärts, und natürlich in der großen Band-Mutter des „Vienna Art Orchestra“, der in den frühen 80er-Jahren wohl genialsten Bigband Europas, als deren gefeierte Solisten sich Puschnig und Sokal Renommee verschafften. 1983 war man immerhin nah dran, diesen aufstrebenden Saxophon-Zwilling in einer eigenen Formation herauszustellen.

In New York wurde mit Mike Richmond und Wolfgang Reisinger (mit denen Puschnig anschließend im Quartett „Air Mail“ für Furore sorgen sollte) eine LP aufgenommen. Deren Veröffentlichung freilich ganze 19 Jahre auf sich warten lassen sollte: Erst 2002 konnte dieses grandiose Dokument als „Red-White-Red & Spangled“ im Rahmen der „Austrian Jazzart“-Reihe publiziert werden. Und damit nicht nur Erinnerungen wachrufen, sondern auch eine Idee wiederbeleben: Österreichs international namhafteste Saxophonisten in einem Bandprojekt kurzzuschließen, das schien auch insofern zwingend, als Sokal und Puschnig schon in den 80ern als Antipoden galten: Hier der technisch brillante, immer wieder als „Amerikaner“ titulierte Changes-Spieler, der dank seines avancierten melodisch-harmonischen Verständnisses Töne über die Akkorde legen konnte, als würde „ein Vogel durch vier verschiedene Jahreszeiten fliegen“. Dort der tief im slawisch geprägten Volksmusik-Substrat seiner Kärntner Heimat verwurzelte Choreograph elegischer, tief berührender Stimmungsbilder, ein hinreißender Sänger ohne Worte, am ersten seiner expressiven Töne identifizierbar.

Wenn Musiker älter werden, dann spricht man oft und gerne von der zunehmenden Reife ihres Ausdrucks, von den Geschichten, die sie nunmehr auf ihren Instrumenten erzählen können, nachdem sie sie das Leben selbst hat erfahren lassen. Zweifellos benötigen auch Puschnig und Sokal heute weniger Töne, um zur Essenz der musikalischen Aussage vorzudringen. Anstatt der Welt demonstrativ ihre virtuosen Energien entgegenzuschleudern, steht heute das Bemühen um den Ausdruck, der jeden einzelnen Ton mit Bedeutung erfüllt, im Mittelpunkt. Viel erlebt haben Puschnig und Sokal, beide auch erfolgreich auf Solo-Pfaden unterwegs, zweifellos. Ersterer, der 2001 mit „Traces“ auch ein spätes Duo-Debüt mit einem anderen Langzeitpartner, Pianist Uli Scherer, veröffentlichte, beschwört in „39 Steps“ (benannt nach dem Film Alfred Hitchcocks) auch jene Zeit, als er und Vokalistin Linda Sharrock ein grandioses, unzertrennliches Paar bildeten.

„Cross Culture“ reflektiert den Prozess von Puschnigs Selbstfindung als musikalischer Kosmopolit mit starken regionalen Wurzeln, für den Kärntner Volkslieder einerseits und koreanische Schamanenmusik oder Philadelphia-Funk andererseits keine Gegensätze darstellen. Noch persönlicher scheint der biographische Bezug in den Stücken „Poesie“ und „Impermanence“, im Eindruck des Todes eines nahen Freundes bzw. der Großmutter geschrieben, die Vergänglichkeit allen Seins in berührenden, Wärme und Trost ausstrahlenden Liebeserklärungen thematisierend. Harry Sokal hingegen gönnt sich im Anblick des Laichtanzes der Fische am Grund eines Flusses Momente wundersamer Entrücktheit („Barbentänze“). „Juggle in“ im 7/4-Metrum stammt aus den 80er Jahren und erinnert an die Begeisterung, die Jan Garbarek und Keith Jarrett einst beim jungen Saxophonisten ausgelöst haben, der deren legendäre „Belonging“-LP zu seiner Lieblingsscheibe kürte.

Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Trotz all dieser Assoziationen ist „Voices of Time“ keine nostalgische Angelegenheit. Dafür sorgen schon die Rhythmus-Meister Gerald Veasley und Jojo Mayer: Veasleys Groove ist spätestens seit seiner Zeit in Joe Zawinuls „Syndicate“ am Punkt, Mayer gilt unter dem Namen „Dr. Nerve“ als Experte in Sachen handgemachter Breakbeats: Ein Mensch gebliebener Drum-Computer. Harry Sokal und Wolfgang Puschnig selbst zeigen, dass druckvolles Musizieren kein Privileg juveniler Semester ist. Beinahe 30 Jahre nach der ersten Bekanntschaft vereinen sie in ihren Dialogen hohe empathische Qualität und ästhetische Unabhängigkeit. „Voices of Time“: Zwei Musiker erzählen vom Leben, ohne jede Attitüde, im Vertrauen auf das Verständnis des anderen. Ein Leben, in dem sie sich selbst gefunden, nicht aber das Staunen verlernt haben.

Andreas Felber

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